Verhalten und Verhaltensprobleme von Katzen zu erklären, ist ein nicht immer einfachens Unterfangen. Selbst fachkundige Tierexperten stehen noch so manchem Verhalten dieser Vierbeiner erstaunt und fragend gegenüber. Als biologisch hoch sozialem Lebewesen fällt es uns Menschen schwer, das oft fremdartige Einzelgängerwesen der Katze zu verstehen. Für viele Verhaltensweisen "bastelt" sich der Mensch deshalb, eben weil er keine andere Erklärung findet, ein passendes Motiv zusammen oder er erklärt es sich mit den Regeln menschlichen Sozialverhaltens, z.B. die Katze protestiert, ist grundwegs verschlagen, ist unberechenbar aggressiv, ist verhaltensgestört usw. Dass so ein für den Menschenverstand zurecht-
gezimmertes Motiv der Katze in keinster Weise gerecht werden kann, versteht sich von selbst und leider begründet es oftmals zu Unrecht den Gang ins Tierheim.
Verhaltensprobleme können nur verstanden werden, wenn man sie mit den früheren und aktuellen Umweltbedingungen des Tieres in Verbindung bringt. Genetische Veranlagung, Prägung, frühkindliche Lernerfahrungen und Erfahrungsmangel, Umgang, Haltungsbedingungen etc. spielen hierbei eine große Rolle und müssen in die Motivfindung mit einfließen. Weiter muß unterschieden werden, ob das Problemverhalten tatsächlich aus einem Problem der Katze mit den gegebenen Umweltbedingungen resultiert (z.B. aus Überforderung ihrer Anpassungsfähigkeit) oder ob nur der Mensch ein Problem in dem (Normal-)Verhalten sieht, welches nicht seinen Wünschen und Erwartungen entspricht (Harnmarkieren) oder welches sich nicht mit einem auf den Menschen abgestimmten Umfeld, wie dies eine Wohnung darstellt, vereinbaren läßt. Die maßgeblichen Fragen sind also, WER hat das Problem, WIE und WARUM wird es gezeigt und WELCHEN ERFOLG zieht das Tier hieraus.
Hier ein Beispiel, weshalb auf die mögliche Äußerung eines Besitzers zur Aggressivität seiner Katze durchaus spezifiziert nachgefragt werden muss (!):
In diesem Fall ist die zugrundeliegende Motivation (Selbstschutz/Verteidigung) nebst Auslösereiz (der Fuß des Menschen) leicht zu diagnostizieren. Wenn solch ein Tier aufgrund der erlernten Aggression zufällig den Fuß eines vorbeilaufenden Kindes attackiert und der Gang ins Tierheim bevorsteht, bleibt fraglich, ob der Besitzer den noch schnell beauftragten Tierverhaltensberater von diesen "Lernmaßnahmen" unterrichtet und die notwendigen Nachfragen zur Entwicklung des "Verhaltensproblems" (und nebenbei des Übergewichts) wahrheitsgemäß beantwortet.
Für das Entstehen von Verhaltensproblemen kommen also mehrere Möglichkeiten in Betracht:
- Krankheit: Abwehrreaktion aufgrund von Schmerzen
- Mangel an frühkindlicher Erfahrung: Angst aufgrund fehlender sozialer Prägung auf den Menschen
- aktueller umweltbedinger Mangel und/oder Stress: verändertes Toilettenverhalten wegen neuem Standort oder mangelhafter Hygiene
- frühere ängstigende Umweltreize: erlernte Angst und angstbedingte Aggression aufgrund zu harter Bestrafung, aufgezwungener Körperkontakt
- Mangel an Erziehung: spielerische Attacke der Beine
- Verstärkung durch den Besitzer: bettelndem Verhalten wird nachgegeben
- Probleme mit dem Normalverhalten: Kratzen an Möbeln, Harnmarkieren
Natürlich gibt es Kombinationsmöglichkeiten und da Katzen dazu noch Individualisten sind, kann die eine kaum mit der anderen verglichen werden, seien die Umweltbedingungen noch so ähnlich. Selbst wenn eine Vergleichskatze evtl. keine Auffälligkeiten in ihrem Verhalten zeigt, heißt dies nicht unbedingt, daß es ein rundum zufriedenes Tier ist. Sie kommt mit den nicht idealen Lebensbedingungen ggf. einfach nur besser zurecht, wobei das Fass schon sehr voll sein kann und nur der sprichwörtliche Tropfen noch nicht gefallen ist. Eine Überprüfung der Haltungsbedingungen ist auch bei nicht auffälligen Tieren somit durchaus immer wieder angebracht.
Es gibt also viele Fragen zur Lebenssituation der einzelnen Katze zu klären, bevor ein (Problem-)Verhalten eingeordnet werden kann und die zugrundeliegende Motivation samt der Auslösereize identifiziert ist.